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The Best of Suede
Das Greatest Hits Album.

Suede 2010: Ein atemberaubendes Reunion-Konzert in der Londoner Royal Albert Hall. Eine kurze Tour durch ein paar europäische Großstädte. Und dazwischen ein Greatest Hits-Album, das nochmals deutlich zeigt, dass der beißende, drängende, leidenschaftliche Sound von Suede auch nach all den Jahren nichts von seiner Brillanz eingebüßt hat – trotz aller Höhen und Tiefen, Tops und Flops.
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Nachdem sich Suede vor sieben Jahren aus dem Musikgeschäft zurückgezogen haben, legt die Band nun überraschend wieder los. Und „loslegen“ ist für diese Band genau das richtige Wort. Ihre Rückkehr löst eine Flut von Erinnerungen aus: ekstatische Konzerte, Hochspannung – für viele nicht nur eine Band, sondern eine lebensverändernde Erfahrung. Bereits die 1992 veröffentlichte Debutsingle „The Drowners“ schlug mit ihren mitreißenden Melodien und den provokanten Texten wie eine Bombe ein. Das war noch in der Ära des Grunge und Shoegazing, doch Madchester lag bereits in den letzten Zügen. Natürlich hatten diese Szenen ihre Daseinsberechtigung, allerdings waren sie zu introvertiert und nicht konfrontativ genug. In einem Gespräch über den Einfluss von The Smiths auf die Band meinte Suede-Bassist Mat Osman, dass Post-E-Großbritannien nach mehr lechzte. Und zwar nach „neuen Werten und musikalischen Referenzen, und nach einem anderen Blick auf die Welt“. Aufgeblasene Vorträge brauchte niemand. Das Chaos, das uns umgab, suchte seinen schmutzig-authentischen Ausdruck. Selbstverständlich liebten wir uns alle – aber wie stand es um den Sex? Der Indierock vermied das Thema lieber, als ob Sex und Sexismus dasselbe wären.
Suede-Frontmann Brett Anderson erinnert sich: „Ich wollte über Sex und Scheitern schreiben und die Trägheit feiern, die Kultur des schönen Verlierers“. Von der Arbeit einiger Kolleginnen und Kollegen hält er nicht allzuviel: „Die bemühen Klischees wie ,Baby, I love you’ oder schreiben über das Leben von Jimi Hendrix, das für sie selbst überhaupt keine Relevanz hat.“ Nicht nur mit seinem Wunsch, dem „Vorortgrab“ Hayward’s Heath im britischen Sussex zu entfliehen und sich im verrückten London neu zu erfinden, trat Brett in David Bowies Fußstapfen. Auch musikalisch eifert er ihm nach: „Andere zeigten sexualisierte Gesten, doch bei Bowie ging das viel weiter: Er schaffte es, eine Energie zwischen dem Publikum und sich selbst aufzubauen. Ich wollte diese Spannung offen legen, das Publikum hypnotisieren. Musik machen, bei der der Funke überspringt“.
Doch am Anfang konnten Suede – Brett und sein Jugendfreund Mat, Gitarrist Bernard Butler und Zweitgitarristin Justine Frischmann, sowie Schlagzeuger Simon Gilbert – diesem Anspruch kaum gerecht werden: „Wir wurden eine unglaublich lange Zeit vehement abgelehnt“, bestätigt Brett. „Wir waren eine sehr direkte Band und nicht besonders bescheiden. Wenn da das Ambiente nicht stimmt, dann kann das ziemlich übel ausgehen.“ Erst der Abschied von Justine, sowohl von Suede als auch aus Bretts Bett, brachte eine Veränderung. Bretts Punk-Wurzeln brachen durch und Bernard eiferte Johnny Marrs komplexem Stil nach – in grelleren, drastischeren Farben. Und neue Songs entstanden – zum Beispiel die Single „The Drowners“.
Dann zierte ihr Foto auf einmal das Titelblatt des Melody Maker – unter der Überschrift „Die beste Newcomer-Band Großbritanniens“. Morrissey begann „My Insatiable One“ von der nicht minder grandiosen „The Drowners“-B-Seite live zu covern, Suedes nächste Single „Metal Mickey“ schoss in die Top 20 und die rasenden Fans rissen Brett immer häufiger das dünne Hemd vom mageren Körper. Der Einzug in die Kategorie der besten Newcomer-Bands Großbritanniens bescherte der Band einen stabileren Stand auf dem Markt. So konnte sie ihr 1993er-Konzert mit einer überdrehten Version von „Animal Nitrate“ eröffnen und mit dieser Glam-Punk-Rakete eine weit deutlichere schwule Perspektive an den Tag legen, als noch mit der spielerischen Mehrdeutigkeit von „The Drowners“.
„Wir hoben unsere Köpfe ganz bewusst über die Brüstung und ließen die Leute auf uns schießen“, erinnert sich Brett an die darauf folgende Furore. „Aber wir waren die erste Band seit langer Zeit, die diesen Grad an Emotionalität auslöste. Und das wurde zum Vorbild dessen, was Gitarrenbands nach uns machten.“
Nach dem Top 10-Hit „Animal Nitrate“ folgte „Suede“: Das Album avancierte zum bestverkauften Debutalbum in Großbritannien seit „Welcome To The Pleasuredome“ von Frankie Welcome und sahnte prompt den Mercury Music Prize ab. Suede waren Vorreiter, Innovatoren und Kultur-Aggregatoren – und alle wollten ein Stück vom Kuchen abbekommen. Diesem klassischen, meteoritenhaften Aufstieg war die Band nicht gewachsen. Bereits nach wenigen Wochen brachte das Select-Magazin Brett auf der Titelseite – vor dem Hintergrund eines ausgeschnittenen Union Jacks und unter der Überschrift „Yanks Go Home“.
„Ich schrieb über mein Leben in Großbritannien, über Armut und Isolation, was zum Vorbild für den Britpop wurde. Und das wurde dann zur bierseligen Karikatur mit Fahnenschwenken verzerrt“, meint Britt und kocht immer noch. „Wer Suede als chauvinistisch bezeichnet, hat uns völlig missverstanden.“
Die darauf folgende Phase von Suede lässt sich – wenn überhaupt – unter dem Label Britpop fassen. Das nächste Album sollte „viel seltsamer“ sein: „Mehr draußen. Anstatt als kleine Engländer nur über Bohnen und Toast zu schreiben, nehmen wir jetzt ein Stück von der ganzen Welt zwischen die Zähne und spucken es ihr wieder entgegen“. Bernard war nun von Joy Division und Scott Walker eingenommen, so dass die nächste Single „Stay Together“ mit acht intensiv-dramatischen Minuten aufwartete. Doch ironischerweise zerstörten die zunehmenden Spannungen zwischen zwei völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten die Zusammenarbeit, so dass Bernard schließlich die Band verließ, noch bevor „Dog Man Star“ veröffentlicht worden war.
Trotzdem klingt das Album umwerfend. Üblicherweise führte „OK Computer“ von Radiohead die Album-Charts der 1990er an, doch in seiner apokalyptischen Wut und Zerknirschtheit ist „Dog Man Star“ genauso einschneidend und ausgefeilt. Und in der großartigen Ballade „The Wild Ones“ spricht sich Brett deutlich für die Band aus: „I love the mood and the melody, it works emotionally. It’s beautiful“. („Ich liebe die Stimmung und die Melodie, das funktioniert auf der Gefühlsebene. Es ist schön.“).
„Dog Man Star“ firmierte zwar auf den ersten Rängen der Charts, wurde jedoch durch „Definitely Maybe“ von Oasis vom Sockel gestoßen. So wieder vom Ballast befreit, den der Titel „Beste Newcomer-Band“ auch mit sich bringt, malte sich Brett die neuen Suede ausgefeilter und gefestigter aus – ohne den „ungesunden, revisionistischen 1970er-Jahre-Kram“. Hierfür engagierten sie, mit der für sie typischen Kühnheit, einen begnadeten, erst 17jährigen Schüler als neuen Gitarristen. Richard Oakes passte sehr gut in die Ästhetik von Suede, die die lausige Realität verwandeln wollten. Und darüber hinaus „brachte er Geschlossenheit in die Band“, erinnert sich Brett. Und er erzählt weiter: „Wir wurden zu einer kleinen Gang. Und er hatte das Talent, die Art von Album zu machen, die wir wollten“.
Mit Simons Cousin Neil Codling kam das fünfte Mitglied in diese Gang. Neil brachte sowohl Talent für das Songwriting als auch eine unbekümmerte Bühnenpräsenz und perfekt geformte Wangenknochen mit. Wer daran zweifelte, dass die Band die Trennung von Bernard überstehen würde, wurde bald eines Besseren belehrt: Mit dem Nr.1-Album „Coming Up“ feierten Suede ihre triumphale Rückkehr an die Spitze der Popliga. Ganz vorne unter den Hits des Albums steht „Trash“ – ein Manifest dieser Gangmentalität sowohl für die Band als auch die Fans. Das vierte Album von Suede „Head Music“ ist experimentierfreudiger und elektro-lastiger als seine Vorgänger. „Wir wollten kein Gitarren- oder Rock-Album machen“, meint Brett. „Ich bin sehr stolz auf ‚Head Music’ und ich denke, dass das Album von den Suede-Fans ziemlich unterschätzt wird.“ „Electricity“ und „Film Star“ wurden Top Ten-Hits, Suedes bisher unverfrorenster, aufreizendster Popsong „She’s In Fashion“ schaffte es dagegen unerklärlicherweise nur auf Platz 13.
Der vierte Hit des „Head Music“-Albums, „Can’t Get Enough“, kann zwar als berauschendes Glam-Stück gelten, doch von einem Meilenstein kann keine Rede sein. Als Neil wegen seinem zehrenden Kampf gegen das Chronische Erschöpfungssyndrom die Band verließ und Brett schließlich zugeben musste, dass vieles seiner Kreativität den Drogen zum Opfer gefallen war, hinterließ das seine Spuren. Nicht einmal ein wieder cleaner Brett konnte das nächste Album „A New Morning“ noch retten. „Wir hätten uns nach ‚Head Music’ trennen sollen, aber ich wusste ja nicht, dass uns die Ideen ausgehen würden. Doch es gibt immer noch einige großartige Momente. Ich mag ‚Positivity’ immer noch, obwohl dieser Song definitiv zu unserem Untergang beigetragen hat. Das war nicht das, was die Leute von Suede hören wollten, aber das war so gewollt. Bildlich gesprochen hatte ich mich in eine Ecke manövriert und wusste nicht mehr, wie ich dort wieder rauskommen sollte.“
Bretts Schlupfloch bestand schließlich in der Ankündigung, dass sich die Band aus dem Musikgeschäft verabschieden würde. Kurze Zeit später arbeitete er unter dem Bandnamen The Tears erneut mit Bernard zusammen und sie veröffentlichten das Album „Here Come The Tears“. Doch die drei pastoralen, persönlichen Soloalben von Brett zeigen deutlich, an was sein Herz wirklich hängt. Dasselbe zeigt die Rückkehr von Suede. Als Suede vom Teenage Cancer Trust (Eine Wohltätigkeitsorganisation, die Brett seit dem Tod seiner Mutter unterstützt) für ein Benefizkonzert angefragt wurden, waren sich alle – einschließlich der erholte Neil – darin einig, dass die Zeit reif sei. Nach zwei kleineren Gigs standen Suede schließlich auf der Bühne der Londoner Royal Albert Hall. Und selbst die eingefleischten Fans waren begeistert. Die Spannung zwischen Suede und ihnen hatte nichts an Intensität eingebüßt.
Am Ende der Show rief Brett den Fans zu: „Nach den nächsten sieben Jahren sehen wir uns wieder.“ Er wollte nicht schwindeln, doch dann hieß es: „Wir wussten nicht, dass wir so viel Spaß haben würden“ – und Suede spielen weitere Konzerte! Doch da Brett gerade ein weiteres Soloalbum einspielt, ist ein neues Suede-Album noch nicht in Sicht. „Wenn wir eins machen würden, dann müsste das eine der besten Platten werden, die wir je gemacht haben“, betont Brett. „Denn das Allerwichtigste ist die Heiligkeit unseres Vermächtnisses.“
Also kein Masterplan. Doch eine Set List, die alles Bahnbrechende von Suede vereint: die ekstatischen Konzerte und die Hochspannung – und die lebensverändernde Erfahrung. Um mit Suede zu sprechen: Can’t get enough.
[ DM ]
     [20.12.2010]
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