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Body Talk Pt 1
Das neue Album von Robyn.

Es war im Jahre 2008, als wir das letzte Mal von Robyn hörten. Nach ihrem bittersten, orchestralpoppigen Top Ten-Hit „Be Mine“ ritt die schwedische Popsängerin auf einer anhaltenden Erfolgswelle. Erst wurde ihr Album „Robyn“ für einen Grammy nominiert, dann schaffte es ihre hymnische Dance-Ballade „With Every Heartbeat“ im Vereinigten Königreich sogar an die Spitze der Charts. Diese Kunststücke boten nicht nur eine brillante Werbekulisse für das mittlerweile mit Platin ausgezeichnete Album, dem sie entsprungen sind. Der Erfolg von Robyn war auch der Höhepunkt eines Comebacks, in dem ein einstiger Teenie-Popstar seine Karriere neu erfand. Jetzt, zwei Jahre später, veröffentlicht eben diese Sängerin den ersten Teil einer Albumtrilogie. „Body Talk Pt. 1“ fängt dort an, wo „Robyn“ aufgehört hat.
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Der Schwerpunkt liegt auf so mitreißenden, emotionalen Dancenummern und bissigem, schnörkeligen Rap-Pop, mit dem sie sich bereits einen Namen gemacht hatte. Der Albumtitel reflektiert nicht nur Robyns Liebe für Dancekultur, die sie schon unter Beweis stellte, als sie ihre letzte Platte drei Jahre lang in Clubs auf der ganzen Welt promotete. Er reflektiert auch ihren persönlichen Zwiespalt zwischen dem, was der Körper sagt und dem, was der Kopf möchte.
Im Eröffnungstrack „Don‘t Fucking Tell Me What To Do“ geht Robyn sardonisch eine Schuldgefühle verursachende Checkliste von Lastern durch „My drinking is killing me, my smoking is killing me“, aufgepeitscht von einem vorwärtstreibenden, verstörten Backbeat. Es ist zur einen Hälfte ein Manifest dessen, was die Sängerin repräsentiert, und zur anderen Hälfte sinnentleertes Geschwätz. „Alle wollen, dass du perfekt bist, während du von einer Welt träumst, in der du tun kannst, was du willst. Ich denke, es handelt von der modernen Welt und dem Stress, dem sich vermutlich viele Leute darin ausgesetzt fühlen. Es ist eine anspruchsvolle Message, die ich so einfach wie möglich gestalten wollte. Ich spreche hier darüber, wie ich mich fühlte, als ich mit meiner Tour fertig war“, erklärt sie. Ähnlich wird Robyn im rüpelhaft niedlichen „Fembots“ als ein Cartoon-Charakter projiziert, der rappt: „Fembots have feelings too“, und der an der Unterdrückung seiner hormonellen Begierden leidet, weil sie im Gegensatz zu dem stehen, was der Kopf rät zu tun.
„Dancing On My Own“ ist der naheliegende Nachfolger von „With Every Heartbeat“ und versetzt dir einen Kloß in den Hals. Zu einem industriellen Technobeat singt Robyn über eine allgemein bekannte Szene: Der Mann, den sie liebt, tanzt mit einer anderen Frau und vergisst, dass sie anwesend ist und ihm zusieht. Es ist, wie Robyn es beschreibt, ein von ihrer Liebe für grundsätzlich traurige Gay-Disco-Hymnen inspirierter Song. Hymnen wie Ultravox`s, „Dancing With Tears In My Eyes“ oder die von Sylvester und Donna Summer. Auch dieses Lied spielt auf den Titel „Body Talk“ an, weil es „ein Kontrast zwischen dem Tanzen, einer so freudigen Form des Ausdrucks, und dem Liebeskummer ist. Ich denke, dass diese Art von Musik die Menschen so berührt, weil Liebeskummer ein sehr einsames Gefühl ist, aber man die Traurigkeit durch solch einen Song auf einfache Weise teilen kann.“
Für den Track „Dancehall Queen“ kollaborierte Robyn mit Diplo. Heraus kam eine halbsatirische Hommage an den europäischen Chart-Rave und Rap der 90er Jahre und dessen Acts wie Dr. Alban, Technotronic, Leila K und Neneh Cherry. „Schweden hatte diese großartigen Popgruppen, die afrikanische Traditionen nach Europa brachten und ihre Einflüsse mit Techno kombinierten. Es stellte sich heraus, dass Diplo und ich Fans dieser Musikrichtung sind, die viele Leute für ziemlich schmierig halten. Als er sagte, dass er eine Ace of Base-Nummer machen wollte, lachte ich mich kaputt. Aber ich liebte die Idee!“, sagt Robyn.
Für ein kurzes Album hat „Body Talk Pt. 1“ viele Dimensionen. In seinem späteren Verlauf hören wir Robyns gespenstische, kindliche Interpretation des traditionellen schwedischen Volksliedes „Jag Vet En Delig Rosa“, was so viel bedeutet wie „Ich kenne eine liebliche Rose“ und durch das Jazz-Sängerin Monica Zetterlund Berühmtheit erlangte. In der Hoffnung, die richtige Atmosphäre zu kanalisieren, verwendete Robyn für die Aufnahmen sogar das Original-Mikrofon, das Zetterlund für ihre unverkennbare Version nutzte. Und dann wechselt sie schon wieder die Spuren: „Hang With Me (Acoustic)“ und „Cry When You Get Older“ bieten einen klugen Ratschlag für jüngere Zuhörer, auch wenn es eher einer in der Art ist, als ob die ältere Schwester ihren Alkopop mit dir teilen würde, während sie deine Tränen wegwischt.
Sollte es für einen Popstar der heutigen Zeit, in der Musikliebhaber sogar weniger geneigt sind, ein ganzes Album zu downloaden als für Musik zu zahlen, merkwürdig erscheinen, gleich drei Platten heraus zu bringen, so muss man Robyns hiermit vorgelegte Zeugnisse als wegbereitend für den Pop bezeichnen. Das hier ist die Frau, die als Fünfzehnjährige bei einem Majorlabel unter Vertrag stand, ihr erstes Album mit 16 veröffentlichte und durch Amerika tourte bevor sie 20 wurde. Während andere Teenager herausfinden mussten, wer sie unter ihres gleichen sind, war Robyn während ihrer prägendsten Jahre von einer Kommerzmaschinerie, wie sie es bezeichnet, umringt. Von Vorsitzenden der Musikindustrie, die sie zur nächsten Christina Aguilera machen wollten. Sie brachte ein Album namens „My Truth“ heraus („Ich war damals so einfach gestrickt, schau dir nur den Titel an!“), das außerhalb Schwedens niemand in die Finger bekam. Sie arbeitete hart und wusste doch, dass etwas nicht stimmte. Und so trennte sie sich von den Fesseln des Majors und startete ihr eigenes Label: Konichiwa Records.
Sie traf Klas Ahlund von der schwedischen Punkband Teddybears, und die beiden begannen an Songs für Robyns selbstbetitelte Platte zu arbeiten. „Du glaubst, dass du von der Bildfläche verschwindest, wenn eine Plattenfirma dich nicht mag. Nachdem ich so viele Kompromisse eingegangen bin, zweifelte ich an allem und nahm schließlich einen letzten Anlauf. Ich arbeitete mit Klas, gemeinsam machten wir >Robyn<“, sagt die Sängerin. Mit dem Wissen, das sie sich über all die Jahre in der Musikindustrie aneignen konnte, war sie nun im Stande, das erste Mal alles zu ihren Konditionen zu machen. „Mehr als alles andere wollte ich Spaß haben! Warum sollte man etwas tun, das man nicht gerne macht?“, so Robyn weiter.
Davon angefixt arbeiteten sie und Ahlund auch für „Body Talk Pt. 1“ mit vereinten Kräften. Das ist der Grund, warum einen das Album trotz seiner wenigen Tracks auf eine nahtlose Reise von Techno über Dancehall und akustischen Balladen zu nostalgischen schwedischen Volksliedern mitnimmt und trotz allem unbestreitbar nach Robyn klingt. Jeder Titel auf „Body Talk Pt. 1“ repräsentiert die vielen Seiten dieser einzigartigen, gedankenvollen, kompromisslosen Künstlerin. Sie ist eine Frau, die unmissverständlich die falschen Typen in ihre Schranken weist, die auf „Body Talk Pt. 2“ mit Snoop Dogg rappen wird („Er hat während unserer Aufnahmen die ganze Zeit Hausschuhe getragen“) und dafür plädiert, dass der nächste Papst eine schwarze Frau wird.
Zu einer Zeit, in der die Charts anscheinend von weiblichen Solokünstlerinnen dominiert werden, steht Robyn für die wenigen Musikerinnen, die tatsächlich darauf vorbereitet sind, ein Individuum zu sein und den Songs das Sprechen zu überlassen. Es gibt keine aufwendigen Kostüme, keine sorgfältig durchdachten Bilder, keine Industriemaschinerie. Anstatt eine Popästhetik zu kultivieren, die einem kommerzielle Erfolge garantiert, hat Robyn die letzten zehn Jahre damit verbracht, alles dafür zu tun, einen Weg zu finden, sie selbst zu sein.
Und wenn sie es schafft, auf dem ersten Album gekonnt den Spagat zwischen rührseligen Dance-Balladen und Songs über Fembots oder Dancehall Queens zu machen kannst du dir vorstellen, was Robyn für den zweiten Teil von Body Talk alles aus dem Ärmel schütteln wird?
[ DM ]
     [12.06.2010]
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