
Das neue Album von Prefab Sprout.Der erste Eindruck sorgt unweigerlich für Verwirrung. Da steht ein Mann mit Mantel, Hut und einem langen, grau melierten Bart in einem Blumenfeld. Ist das ein Schmetterlings-Sammler? Oder ein Nobelpreisträger der Physik? Oder gar ein Magier? Paddy McAloon muss ein wenig grinsen, als er diese Assoziationen zu seiner aktuellen Fotosession hört. „Ich wusste selbst auch nicht so genau, wo ich mich mit diesem Look popkulturell einordnen würde. Legendärer Typ vielleicht!?"
Anzeige Mit Selbstironie und feinem englischen Humor beschreibt einer der besten Songwriter der Popmusik die letzten fünf bis sieben Jahre seiner Karriere: „Ich habe Songs geschrieben. Dutzende, vielleicht sogar hunderte. Aber ich hatte einfach keine Lust, nur einen einzigen davon zu veröffentlichen. Es hat mich einfach nicht interessiert. Klingt komisch, nicht wahr? Meine Vorstellung vom Popstar-Dasein jedenfalls hat sich komplett verändert. Wenn man so will, bin ich eine Art Brian Wilson in seiner harten Phase. Nur ohne die Psychiater und die Psychopharmaka!"
Paddy McAloon beliebt zu scherzen. Seit dem letzten Album seiner (in Frieden auseinander gegangenen) Band Prefab Sprout „Andromeda Heights" (1997) und der elektronischen Fingerübung „I Trawl The Megahertz" aus dem Jahre 2003, war McAloon einfach nur Privatier in seinem Landhaus nahe des nordenglischen Städtchens Durham bei Newcastle. Ein Genie im Vorruhestand. Zwischenzeitlich hat er einige Auftragsarbeiten erledigt, Songs geschrieben für den britischen Soulsänger Jimmy Nail. Aber auch das ist lange her. „Ich habe Familie; was ja bekanntlich eine schöne Aufgabe ist" meint er nur.
Doch ganz so heiter und ungetrübt, ist McAloons ein wenig rätselhafter Rückzug von der großen Showbühne nicht. In den Standardwerken über Popmusik wird seine Band zwar längst als „Klassiker" geführt und ihr Mastermind in einem Atemzug mit Bob Dylan und Elvis Costello genannt. Doch trotz der kommerziellen Erfolge mit „Steve McQueen" (1985) und „From Langley Park To Memphis" (1988) gehörten Prefab Sprout nie zum Mainstream. Ein wenig zu perfekt für den Massengeschmack. Ein wenig zu schlau, um als Stadionrocker immer wieder die gleichen Gassenhauer runterzuspielen. „Ich genieße es einfach, mit diesem Rockzirkus nichts mehr zu tun zu haben."
Nicht unerwähnt bleiben dürfen an dieser Stelle seine gesundheitlichen Rückschläge. Lange Zeit litt McAloon an einer Augenkrankheit, zwischenzeitlich drohte gar der Verlust der Sehfähigkeit. „Das ist seit einiger Zeit glücklicherweise gestoppt"; erzählt er. Dank der Ärzte und dank der modernen Lasertechnik. Doch dann kam ein Virus-bedingter Tinnitus dazu, der zeitweilig sein Hörvermögen einschränkte. „Manche Tonfrequenzen konnte ich deshalb nicht richtig wahrnehmen. Auch war ich überempfindlich gegenüber jedem Lärm. Schlechte Voraussetzungen für einen Rockstar, nicht wahr!"
So passt es ins Gesamtbild dieses überaus geistreichen und sicherlich auch eigensinnigen Künstlers, dass sein aktuelles Album „Let’s Change The World With Music" kein „normales" Album ist. Es stammt vielmehr aus dem Jahr 1992/1993 und galt lange Zeit als verschollen. Unweigerlich drängen sich die Vergleiche zum „Smile"-Projekt der Beach Boys auf. „Ganz so dramatisch war das bei uns allerdings nicht", erinnert sich McAloon. „Jedenfalls sind die elf Songs des Album zwischen „Jordan: The Comeback" und „Andromeda Heights" entstanden. Ich fand sie aber lange Zeit nicht gut genug. Dann löste sich die Band auf und das fertige Demo landete im Schrank."
Es war Keith Armstrong, der Chef des Prefab-Sprout-Hauslabels Kitchenware aus Newcastle, der die Aufnahmen im letzten Jahr herauskramte und befand, dass wunderschöne Songs wie „Let There Be Music" einfach nur zeitlos herangereift waren. „Und so setzte ich mich noch einmal an diese Demos. Ich habe sie in einer Art Postproduktion überarbeitet. Ohne Gastmusiker und ohne 26-köpfiges Orchester. Ich bin ein großer Freund von Studio-Software. So gesehen ist „Let’s Change The World With Music" ein Techno-Album. Auch wenn man das natürlich in keiner Weise heraus hört", sagt McAloon verschmitzt.
Stattdessen erklingen Elegien und Song-Miniaturen in feinster Prefab-Sprout-Manier. „Earth, The Story so Far" etwa fließt dahin wie ein romantischer Fluss in der Frühlingssonne. „Meet The New Mozart" verquickt Witz und hymnischen Überschwang. Wo es bei den früheren Meisterwerken um ewige Werte wie Liebe, Leid und Hingabe gegangen ist, steht nun die MUSIK an sich im Zentrum von McAloons Wirken. Ein meisterliches Spätwerk mit Titeln wie „Last of the Great Romantics", „Sweet Gospel Music" oder „I Love Music". Doch McAloon wäre nicht McAloon, würde er nicht seine ganze Dichterkunst in Textzeilen wie: „Music is a princess – I am just a boy... in rags" legen. Die Musik als unsterbliche Prinzessin - und der Musiker als staunender Junge in abgeschabten Klamotten. Zu solch empathischen Bildern ist nur Paddy McAloon fähig. Und das völlig ohne kitschig zu wirken.
Es gibt nicht mehr viele Singer / Songwriter, denen das heute so gelingt. Und so wird sich das geflügelte Wort von Paddy McAloon „als Stanley Kubrick der Popmusik" mit „Let’s Change The World With Music" sicherlich bewahrheiten.
Für eine großflächige Plakatkampagne in Großbritannien jedenfalls hat die Ladenkette HMV aktuell Paddy McAloon ausgewählt. In dieser Aktion geht es darum, dass große Namen der Musikgeschichte ihre Lieblings-Lyrics präsentieren. Paddy McAloon – standesgemäß mit Hut und Bart – wählte einige Zeilen von Bob Dylan. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich McAloon im Jahre 2009, im Alter von 52 Jahren, endgültig in diese Sphären erhebt. Es wäre ihm zu gönnen.
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