
Das neue Album von Moby.Im Februar 2008, während der Rede des Regisseurs David Lynch bei den BAFTA-Awards, hatte Moby einen Moment der Erleuchtung. Lynchs simple Kernaussage – dass Kreativität für sich genommen eine wunderschöne, fantastische Sache ist – war zwar ausgesprochen einfach, doch sie traf Moby mit der Schlagkraft der Rute eines Zenmeisters. „In diesem Moment entschloss ich mich, viel persönlichere Platten zu machen“, so Moby. „Platten, die vielleicht etwas experimenteller, schwieriger und weniger eingängig sind, aber künstlerisch und kreativ mehr Befriedigung bringen. Darauf beruht auch mein neues Album.“
Anzeige Das Ergebnis dieser Erleuchtung, “Wait For Me“, unterscheidet sich deutlich von Mobys bisherigen Alben, z.B. der letztjährigen Dancefloor-Hommage “Last Night“, Mobys Modern-Rock-Flirt “Hotel“ (2005), dem glitzernden Ambient-Exkurs “18“ von 2002 und natürlich auch der damals zukunftsweisenden melancholischen Electronica des 1999er-Albums “Play“. Befreit von den unsichtbaren Fesseln der eigenen Erwartung – und den Ansprüchen der Radioproduzenten, Journalisten und Marketingexperten – verzichtete Moby auf teure Studios, High-Tech-Elektronik, bekannte Gäste und Geschwader von Grafikdesignern und Imageberatern, die den Vorgängeralben ihren Stempel aufgedrückt hatten. „Es ist irgendwie total entspannend, alles in Eigenregie zu machen, ganz ohne Hintergedanken an den Musikmarkt“, erklärt Moby. „Keine Ahnung, ob sich irgendjemand dafür interessieren wird oder ob sich das Album verkauft, aber es ist ein gutes Gefühl, etwas aus den richtigen Gründen zu tun, keine Gedanken an Radioplaylisten oder Verkaufszahlen zu verschwenden und einfach nur ein Album zu machen, weil man Lust dazu hat.“
Diese Do-it-yourself-Ideologie prägt das gesamte Album, von der Aufnahme bis zum Design. „Die Fotos stammen von einem Freund, das Cover habe ich selbst gestaltet. Die ganze Platte ist bei mir zuhause entstanden; abgemischt habe ich sie mit einem verrückten Punkrocker, der regelmäßig auf dem Weg zum Studio verloren ging.“
Bei diesem „verrückten Punkrocker“ handelt es sich um den legendären Produzenten Ken Thomas, dessen “Magic Touch“ schon die Buzzcocks, Wire, Boyd Rice, Chris & Cosey oder auch Sigur Ros und M83 aufpolierte. Der Punk- und DIY-Ethos, der “Wait For Me“ vom ersten bis zum letzten Song durchzieht, war Moby schon immer sympathisch: In den frühen 1980er Jahren hatte er selbst bei der Hardcore-Band Vatican Commandos für Lautstärke gesorgt. Auf “Wait For Me“ treffen Mobys charakteristische, expansive und emotionale Flächen auf präzise Punkelemente, die an den überraschendsten Stellen auftauchen. Während “Mistake“ den emotionalen Postpunk von Joy Division oder Echo & the Bunnymen heraufbeschwört, zitiert das Titelstück die ruhige Verzweiflung von Black Flags „Damaged“.
Mobys wichtigste Einflüsse auf “Wait For Me“ liegen jedoch noch weiter zurück, in der freundlichen, sanfteren Ära vor Punk – und sogar vor Rock 'n Roll. „Ich wollte eine Platte machen, die schön und warm, offen und einladend ist, gleichzeitig aber auch eigenwilliger und persönlicher“, so Moby. „Das spiegeln auch die Aufnahmen und der Mix wieder, ganz ohne Bombast. Was momentan veröffentlicht wird, ist mir oft viel zu direkt und zu offensichtlich, viel zu laut, aufdringlich und fordernd. Auch das kann toll sein, aber wenn alle Instrumente ganz nach vorn gemischt sind, auch die Stimme, dann fehlt mir einfach die nötige Subtilität – das sind keine Platten, die ich mir zuhause anhören würde. Vielleicht klingen sie super, wenn man in einem Mietwagen die Charts hoch und runter hört, aber ich persönlich kann mit sehr reduzierten alten Blues-Alben viel mehr anfangen, also mit Platten, die ziemlich einfach und zurückgenommen sind. Und genau das wollte ich mit diesem Album erreichen.“
Dieser spartanische Anspruch ist zwar deutlich hörbar, aber gleichzeitig bleibt „Wait For Me“ eine warme, intime und offene Platte. „Ich wollte kein kommerzielles und marktkompatibles Produkt machen, sondern ein Album, mit dem sich auch eine deprimierte 26-Jährige identifizieren kann, die "Wait For Me" allein in ihrer Wohnung hört.“
Diese Intimität, diesen direkten Draht zum Hörer schafft Moby durch den gezielten Einsatz von Reverb und Stereo-Panning. „Besonders inspirierend fand ich dabei die Backing Vocals des Elvis-Songs "In The Ghetto", Jefferson Airplanes "Surrealistic Pillow" oder auch "I Only Have Eyes For You" von den Flamingos“, erklärt Moby. „Und natürlich eBay, denn dort habe ich tonnenweise alter Instrumente und Aufnahmegeräte entdeckt, die für dieses Album absolut perfekt waren: Effektgeräte, Verstärker, Synthesizer und andere technisch nicht ganz saubere Geräte, die hier genau richtig klangen.“
Auf „Wait For Me“ treffen die Geister dieser alten Maschinen, ihr Rauschen und Kratzen, auf hallendes Echo, verschleppte Gitarrenakkorde, warme Streicher und die eine oder andere Ballade. Auch der eigentliche Anstoß für dieses Album, David Lynch und seine Arbeit mit dem Komponisten Angelo Badalamenti, lässt sich heraushören – und sogar sehen. Lynch filmte das Video für “Shot In The Back Of The Head", eine Hommage an Phil Spectors expansiven "Wall of Sound". Und damit schließt sich ein weiterer Kreis, denn gleich zu Beginn seiner Karriere, im 1991er Top-10-Ravehit "Go", sampelte Moby mit der Kultserie "Twin Peaks" einen wichtigen Meilenstein des Filmemachers.
Aber statt Charterfolg oder Massenmarktappeal setzt "Wait For Me" auf den direkten Kontakt zum einzelnen Hörer. „Die meisten Plattenfirmen und Musiker interessieren sich nicht für den einzelnen Fan, sondern konzentrieren sich lieber auf die breite Masse, die ihnen Millionen von Platten abnimmt“, meint Moby. „Und dabei geht eine wichtige Beziehung verloren. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu abgehoben oder New Age, aber für mich hat es etwas sehr Dankbares und Bescheidenes, wenn jemand meine Platte mit nach Hause nimmt und sie sich dort in Ruhe anhört. Viele erfolgreiche Musiker gehen einfach davon aus, dass sie immer ein Publikum haben werden, und das führt zu Bequemlichkeit und Arroganz.“
Mit der leisen, manchmal verstörenden Anmut von "Wait For Me" ist es Moby auf jeden Fall gelungen, diese Klippe elegant zu umschiffen.
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